Was befeuert antisemitische Einstellungen seit dem 7. Oktober 2023? Forschungsergebnisse aus zwei Jahren Paneldaten
NYU und FZI veröffentlichen gemeinsamen Forschungsbericht als Teil des SOSEC-Projekts
Forschungsschwerpunkt: Digitale Gesellschaft
Karlsruhe / New York, 10. Juni 2026 — Das FZI Forschungszentrum Informatik und das NYU Center for the Study of Antisemitism (Zentrum für Antisemitismusforschung der New York University) haben heute ihre erste umfassende Analyse mit dem Titel „Antisemitism and Social Sentiment in Times of Crises“ veröffentlicht, die sich damit befasst, wie sich antisemitische Einstellungen in Deutschland und den USA seit dem 7. Oktober 2023 entwickelt haben. Die zentrale Erkenntnis ist bemerkenswert: In beiden Ländern ist das Alter der stärkste Prädiktor für antisemitische Ansichten – wobei dieser Effekt in den Vereinigten Staaten besonders ausgeprägt ist. Es wurden auch Faktoren wie die Nutzung sozialer Medien und die Parteizugehörigkeit untersucht.
Die Analyse greift auf das SOSEC-Langzeitpanel zurück, in dem seit 2022 alle zwei Wochen die 4500 Studienteilnehmer*innen – 1500 in Deutschland und 3000 in den USA – zu ihrer politischen Einstellung, ihrem Medienkonsum und ihrer sozialen Wahrnehmung befragt wurden.
Eine ungewöhnliche Zusammenarbeit, die aus methodischen Gründen gewählt wurde
“Antisemitismusforschung erfordert sowohl historische Tiefe als auch empirische Breite. Indem wir die Rechenverfahren der Informatikforschung des FZI mit den theoretischen Grundlagen des NYU Center kombinieren, sind wir in der Lage, Muster von Einstellungen zu beschreiben und ihre soziale Dynamik im zeitlichen Verlauf nachzuverfolgen,“ sagt Dr. Jonas Fegert, Leiter des FZI House of Participation. Professor Avinoam Patt vom NYU Center for the Study of Antisemitism hebt hervor, dass die gemeinsamen Forschungsergebnisse die Stärke interdisziplinärer Forschung sowie den vergleichenden Charakter der Arbeit betonen, was zeigt, wie wichtig transnationale Forschung ist. „Die Forschungsergebnisse sind ziemlich alarmierend, besonders wenn man die wachsenden antisemitischen Tendenzen bei jungen Menschen betrachtet, die mit der Nutzung sozialer Medien und Verschwörungstheorien einhergehen. Die Forschungsarbeit ist erst der Anfang und weist die Richtung für zukünftige Forschung,“ fügt er im Bezug auf die Forschungsergebnisse hinzu.
Zur Methode: Warum Antisemitismus nicht direkt messbar ist
Antisemitische Ansichten sind normativ sensibel und unterliegen starken Effekten der sozialen Erwünschtheit. Direkte Fragen („Vertreten Sie antisemitische Ansichten?“) liefern kaum methodisch verwertbare Erkenntnisse. Allerdings können diese Indikatoren in Relation zu politischer Meinung, Mediennutzung und einer großen Bandbreite gesellschaftlicher Ansichten gesetzt werden.
Wichtigste Ergebnisse
- Alter ist der stärkste Prädiktor — besonders in den USA. Selbst wenn Einkommen, Bildung, politische Orientierung und Geschlecht konstant bleiben, ist das Alter der bei Weitem mächtigste Faktor, wenn es darum geht, die Zustimmung zur Aussage „Jüdinnen und Juden passen nicht in die amerikanische Gesellschaft“ zu bestimmen. Amerikaner unter 45 Jahren befürworteten solche Aussagen deutlich häufiger als Studienteilnehmer*innen ab 60 Jahren. In Deutschland gibt es einen ähnlichen Effekt, doch er ist wesentlich schwächer ausgeprägt.
- Die Lücke zwischen den Generationen wird größer. In den USA sind die Koeffizienten in den jüngeren Altersgruppen seit der ersten Erfassung dieser Messpunkte in der Studie deutlich gestiegen. Die Kluft zwischen den Generationen wächst ebenfalls.
- Die Nutzung sozialer Medien und Verschwörungstheorien verstärken sich gegenseitig – wieder am deutlichsten in den USA. Amerikanische Studienteilnehmer*innen, die der Aussage zustimmen, ihr Land werde „durch eine fremde Macht beherrscht, die im Hintergrund die Fäden zieht“ und gleichzeitig intensiv soziale Medien konsumieren, zeigen wesentlich häufiger antisemitische Ansichten. Der Effekt von Verschwörungstheorien ist in Deutschland ebenfalls präsent, allerdings in geringerem Maße.
- Israel-bezogener Antisemitismus nimmt als Erklärungsfaktor an Bedeutung zu. In beiden Ländern stimmt ein Großteil der Studienteilnehmer*innen der Aussage zu, dass es verständlich sei, dass manche Menschen aufgrund der israelischen Politik Jüdinnen und Juden ablehnen. Die Zahl steigt in den USA stark, während sie in Deutschland moderater, aber dennoch stetig steigt. Weiterhin tendieren jüngere Amerikaner dazu, israelische Politik mit ihrer Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden in ihrem eigenen Land gleichzusetzen – ein Muster, das in den deutschen Ergebnissen nicht zu beobachten ist.
- Parteipolitische Muster unterscheiden sich in beiden Ländern systematisch. In Deutschland zeigen Anhänger der AfD – die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft wurde – eine deutlich höhere Zustimmung zu antisemitischen Aussagen als der politische Mainstream. Das amerikanische Zweiparteiensystem bietet keinen klaren äquivalenten Kontrast zwischen Demokraten und Republikanern. Das radikale Narrativ einer „linksextremen“ Antisemitismuswelle wird von den Daten nicht gestützt: Vielmehr zeigt sich, dass Studienteilnehmer*innen, die politisch eher nach links tendieren, antisemitischen Aussagen weniger zustimmen als solche, die nach rechts tendieren. Sie betrachten Antisemitismus darüber hinaus häufiger als ernstes gesellschaftliches Problem.
Eine Einladung zu weiterer Forschungsarbeit
Die Autor*innen wollen den Bericht explizit als Beginn eines Dialogs verstanden wissen und nicht als dessen Fazit. Ein interdisziplinärer Workshop im Jahr 2025 führte Historiker*innen und Soziolog*innen in den Datensatz von SOSEC ein. Die Daten stehen für weitere Forschungsarbeit offen – insbesondere für vergleichende Studien zu antisemitischen und antimuslimischen Haltungen, für Langzeitstudien zum Thema Generationenwechsel sowie für Forschung zur Effektivität des Holocaust-Unterrichts unter veränderten medialen Bedingungen.
Über SOSEC
SOSEC steht für Social Sentiment in Times of Crises. Die Studie des FZI befragt dieselben Menschen alle zwei Wochen zu Themen wie gesellschaftlichem Engagement, politischen Einstellungen und Sorgen. Anders als bei einmaligen Umfragen lässt sich dadurch nachvollziehen, wie sich Meinungen und Verhaltensweisen im Laufe der Zeit verändern und wie Menschen auf politische oder gesellschaftliche Entwicklungen reagieren. SOSEC startete im Jahr 2022 und wird von der Alfred Landecker Stiftung gefördert.
Über das Konsortium
Das FZI Forschungszentrum Informatik in Karlsruhe ist eine der führenden deutschen Institutionen für angewandte Informatikforschung und kooperiert eng mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Das NYU Center for the Study of Antisemitism an der New York University bündelt interdisziplinäre Antisemitismusforschung und wird von Professor Avinoam geleitet.
Dr. Jonas Fegert vom FZI war zuvor NYU Bronfman Global Coordinator für Europa und baute die Partnerschaft aufgrund dieser bereits bestehenden Verbindungen zwischen dem FZI und der NYU auf. Der Bericht ist das Ergebnis dieser transatlantischen Kooperation, geleitet von Dr. Jonas Fegert in Zusammenarbeit mit Professor Avinoam Patt. Gemeinsam mit Historiker Dr. William Pimlott und Wissenschaftlerin Louisa Glaum kombiniert das Team computergestützte Sozialwissenschaften mit historisch fundierter Antisemitismusforschung – eine seltene und innovative Kombination.
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