Presseinformation

02.06.2026

Stärkt Bürgerengagement die Demokratie – oder kann sie sie auch schwächen?

FZI und Princeton University starten transatlantisches Forschungsprojekt

Forschungsschwerpunkt: Digitale Gesellschaft

Neues Forschungsprojekt TACIT, gefördert von der Baden-Württemberg Stiftung im Rahmen des Programms "Internationale Spitzenforschung", startet am FZI Forschungszentrum Informatik.

Karlsruhe / Princeton, 2. Juni 2026 — Dass Bürgerengagement die Demokratie stärkt, gilt weitgehend als selbstverständlich. Empirisch gesehen trifft dies nur teilweise zu. Die Forschung zeigt, dass dichte Netzwerke der Zivilgesellschaft unter bestimmten Umständen auch die Ausbreitung antidemokratischer Bewegungen beschleunigen können. Genau diese Ambivalenz soll im neuen Forschungsprojekt TACIT – Transatlantic Analysis of Civic Involvement in the Transformation of Democracy – untersucht werden. Für das Projekt wurde Dr. Jonas Fegert (FZI & KIT) gemeinsam mit Professor Jacob N. Shapiro (Princeton University) im Rahmen des Programms „Internationale Spitzenforschung“ der Baden-Württemberg Stiftung ausgezeichnet. Das Projekt startet am FZI Forschungszentrum Informatik im Juni 2026 und wird mit etwa 500.000 Euro über einen Zeitraum von 36 Monaten gefördert.

Wann stärkt Bürgerengagement Demokratien – und wann nicht?

Ob sich jemand über Gewerkschaften organisiert, sich ehrenamtlich im örtlichen Sportverein oder in den sozialen Medien engagiert oder an Bewegungen wie den Querdenken-Protesten teilnimmt, kann grundlegend unterschiedliche Auswirkungen auf dessen Einstellung zur Demokratie haben. Kollektive, institutionalisierte Formen des Bürgerengagements gehen tendenziell mit einem höheren Vertrauen in Institutionen und pluralistischen Einstellungen einher. Bei individualisierten und primär digitalen Formen des Engagements zeigen sich gemischte Effekte: Sie können ein Gefühl der Selbstwirksamkeit fördern, aber auch Ressentiments, Ausgrenzung und autoritäre Einstellungen verstärken.

Dass Bürgerengagement sowohl negative als auch positive Effekte haben kann, ist nicht neu. In ihrer Studie Bowling for Fascism zeigen Satyanath, Voigtländer und Voth, dass dichte Netzwerke von Verbänden – wie zum Beispiel Chöre oder Sportvereine – die Verbreitung der NSDAP-Mitgliedschaft in der Weimarer Republik beschleunigten. Ein lebendiges gesellschaftliches Leben ist daher nicht automatisch ein Bollwerk gegen Autoritarismus. Unter bestimmten Bedingungen kann es sogar zum Katalysator werden. Unter welchen Bedingungen sich die einzelnen Dynamiken heute durchsetzen, ist empirisch noch nicht hinreichend untersucht.

Im Projekt TACIT wird diese Frage systematisch adressiert, indem Deutschland und die USA verglichen werden – zwei Demokratien, die trotz institutioneller Unterschiede vor ähnlichen Herausforderungen stehen: zunehmende Polarisierung, Vertrauensverlust in Institutionen und das Wiederaufleben antidemokratischer Bewegungen. Da diese Bewegungen häufig durch zivilgesellschaftliche Strukturen mobilisiert werden, ist die Frage, wie gesellschaftliches Engagement demokratische Entwicklungen beeinflusst, zunehmend dringlich.

Eine neue Datenarchitektur für vergleichende Demokratieforschung

Im Zentrum des Projekts steht die Integration von drei Datenquellen, die bisher größtenteils isoliert betrachtet wurden:

  • Das SOSEC-Panel, das am FZI verwaltet wird – eine 14-tägige Längsschnittbefragung in Deutschland und den USA mit rund 3.500 Befragten;
  • digitale Verhaltensspuren zum tatsächlichen Online-Engagement und zur Informationsumgebung, bereitgestellt und analysiert vom Team der Princeton University;
  • ein KI-basiertes Monitoring von Nachrichtenereignissen zu zentralen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen.

Diese Kombination ermöglicht es, sowohl kurzzeitige Reaktionen auf politische Ereignisse als auch langfristige Veränderungen in demokratischen Einstellungen zu analysieren.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob, sondern wann gesellschaftliches Engagement Demokratien stärkt. Dieselben Vereinsstrukturen, dieselbe Online-Mobilisierung können das Vertrauen in Institutionen stärken oder schwächen. Es hängt von den politischen Kontexten und Konfliktlinien ab, in die sie eingebettet sind. Solange wir diese Bedingungen nicht verstehen, bleibt ein zentraler Mechanismus demokratischer Resilienz eine Black Box.
Eine der größten Herausforderungen, um zu verstehen, wann Bürgerbeteiligung die Demokratie stärkt, muss man die komplexen Feedbackschleifen zwischen den Erfahrungen der Bürger*innen mit ihrer Regierung und deren Auswirkungen auf ihre Gemeinschaft durchschauen. Indem wir das bemerkenswerte SOSEC-Panel mit langfristigen digitalen Verhaltensdaten kombinieren, können wir aus jenen seltenen Zufallsereignissen lernen, die das Bürgerengagement unerwartet beeinflussen, und gewinnen so einen einzigartigen Einblick in seine Wirkung.

Eine Partnerschaft, die sich über mehrere Jahre hinweg entwickelt hat

TACIT ist eine gemeinsame Initiative von Dr. Jonas Fegert (FZI & Karlsruher Institut für Technologie (KIT)) und Professor Jacob N. Shapiro (Princeton University). Seit 2024 hat das FZI dem Princeton University Survey Research Center ausgewählte SOSEC-Daten exklusiv zur Verfügung gestellt und die Teams tauschen sich regelmäßig über methodische Fragen aus. Die Auszeichnung im Rahmen der „Internationalen Spitzenforschung“ würdigt eine Kooperation, die seit mehreren Jahren gewachsen ist.

Professor Shapiro leitet die Accelerator Initiative – eine internationale Forschungsinfrastruktur für datengetriebene Forschung am Informationsumfeld demokratischer Gesellschaften. Die im Projekt TACIT entwickelte Dateninfrastruktur wird langfristig integriert und stellt damit internationale Sichtbarkeit sowie die kontinuierliche Nutzung von Forschungsressourcen, die in Baden-Württemberg entwickelt wurden, über das Projektende hinaus sicher.

Gesellschaftlicher Transfer und Politikdialog

TACIT ist von Anfang an darauf ausgelegt, seine Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Geplant sind datenjournalistische Analysen, politikrelevante Empfehlungen sowie öffentliche Veranstaltungen, die die Forschungsergebnisse in Formate umsetzen, die für verschiedene Zielgruppen geeignet sind – von der Zivilgesellschaft über Medien bis hin zu politischen Entscheidungsträgern.

Über das FZI

Das FZI Forschungszentrum Informatik mit Hauptsitz in Karlsruhe und Außenstelle in Berlin ist eine gemeinnützige Einrichtung für Informatik-Anwendungsforschung und Technologietransfer. Sie bringt die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse der Informationstechnologie in Unternehmen und öffentliche Einrichtungen und qualifiziert für eine akademische und wirtschaftliche Karriere oder den Sprung in die Selbstständigkeit. Betreut von Professor*innen verschiedener Fakultäten entwickeln die Forschungsgruppen am FZI interdisziplinär für ihre Auftraggeber Konzepte, Software-, Hardware- und Systemlösungen und setzen die gefundenen Lösungen prototypisch um. Mit dem FZI House of Living Labs steht eine einzigartige Forschungsumgebung für die Anwendungsforschung bereit. Das FZI ist Innovationspartner des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und strategischer Partner der Gesellschaft für Informatik (GI).
Pressekontakt

Daniela Bader

Communications

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